Treffen mit Dieter Hundt

Die deutsche Sprache kennt die mehrfache Bedeutung für ein und dasselbe Wort: etwa beim Begriff „Botschaft“. Zum einen ist es die Vertretung eines Staates am Regierungssitz eines anderen Staates, zum anderen eine Nachricht, die von einem Sender an einen Empfänger überbracht wird. Auf diese Doppeldeutigkeit wies Prof. Dr. Dieter Hundt, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), gleich zu Beginn seiner Rede beim traditionellen Lunch mit den Botschaftern im Hotel Maritim proArte hin. „In gewisser Weise bin also auch ich ein ‚Botschafter‘. Als Präsident der BDA vertrete ich die Positionen der deutschen Wirtschaft und überbringe sie an Politik, Gewerkschaften und Gesellschaft. Oft bedarf es auch in meiner Funktion eines gewissen diplomatischen Geschicks und so manches Mal einer äußerst geduldigen Ader.“

Sein Wort als Präsident eines der größten, europäischen Dachverbände der Arbeitgeber hat Gewicht und so waren viele Botschafter der Einladung gefolgt, denn das Thema lautete hochaktuell: „Erwartungen der Wirtschaft an die Politik – Was muss besser werden?“ So analysierte Hundt eingangs die europäische Staatsschuldenkrise und verwies darauf, dass seit zwei Jahren kaum ein Gipfel der Staats- und Regierungschefs vergehe, der sich nicht um die Staatsfinanzen sowie neuerdings auch um die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit drehe.

Deshalb mahnte er entschiedene Maßnahmen seitens der Politik, aber auch Veränderungen im Bewusstsein der Gesellschaft an. Eindringlich forderte er, deshalb die begonnenen Arbeitsmarktreformen nicht „aufzuweichen“, die Haushaltskonsolidierungen weiter streng fortzuführen, kluge Investitionen in Bildung und Forschung sowie eine weitere Öffnung des Waren- und Dienstleistungsverkehrs und der Arbeitsmärkte. Gerade in letztgenanntem Bereich müsse, auch aufgrund der demographischen Entwicklung insbesondere in Deutschland, eine „Zuwanderung von außen“ machbar sein.

Hier verwies der BDA-Präsident auf die starren Arbeitsmärkte in vielen europäischen Ländern – gesetzlicher Mindestlohn, fehlende duale Ausbildung und Modelle wie Zeitarbeit, Teilzeit und Befristungen –, die den Anforderungen der Unternehmen nicht gerecht würden und zu fehlender Wettbewerbsfähigkeit und hoher Arbeitslosigkeit, insbesondere hoher Jugendarbeitslosigkeit führten. Eine Lösung sieht er in der konsequenten Verknüpfung der beruflichen Bildung mit den Anforderungen der Praxis. Qualifizierte, hochmotivierte, junge Menschen müssten sich auf dem europäischen Arbeitsmarkt „frei bewegen“ können.

Kritisch befasste er sich mit notwendigen Veränderungen der Sozialsysteme. Hier gelte das Gebot der Generationengerechtigkeit, damit nicht durch Leistungsausweitungen neue Lasten für künftige Generationen entstünden. Aber: „Jeder Staat muss seine individuelle Situation eigenverantwortlich meistern.“

Die sich anschließende, lebhafte Aussprache bewies, dass durchaus mit großem Respekt auf Deutschlands Wirtschaft geschaut wird. Viele Botschafter nutzten die Gelegenheit aber auch zu einer kritischen Auseinandersetzung. Unter anderem nahmen an der Diskussion mit dem hochrangigen Referenten S.E. Herr Daniel Gerard Mulhall, Botschafter von Irland, I.E. Frau Sarojini Seeneevasen-Frers, Botschafterin der Republik Mauritius, S.E. Herr Miro Kovac, Botschafter der Republik Kroatien, S.E. Prinz Stefan von und zu Liechtenstein, Botschafter des Fürstentums Liechenstein, S.E. Herr Dr. Widhya Chem, Botschafter des Königreichs Kambodscha, I.E. Frau Kamanga Clementine Shakembo, Botschafterin der Demokratischen Republik Kongo, S.E. Herr Ibrahim Bin Abdullah, Botschafter von Malaysia teil.

Text: Kerstin Stooff
Fotos: Agentur Baganz

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